Früher habe ich geglaubt, dass es wichtig ist, zu beweisen, dass ich die Pferde dazu bringen kann, gut zu laufen. Nach welchen Maßstäben auch immer. Filmen, Fotos machen, posten. Vielleicht war das für eine gewisse Zeit auch in Ordnung, weil es dazu führte, dass ich mich selbst sehr kritisch unter die Lupe nahm.
Heute finde ich viel wichtiger, wie sich das, was ich unterrichte und veröffentliche, auf die verschiedensten Pferd-Reiter-Paare auswirkt, auf Therapeut*innen und Trainer*innen und sogar auf deren Schüler*innen und Klient*innen. Damit meine ich nicht die, die nur eines meiner Bücher mal eben einmal durchgelesen haben, sondern die, die an mehreren meiner Kurse teilgenommen haben, die in Kontakt bleiben, den Podcast hören und sich auch später an mich wenden, wenn sie mal unsicher sind, ob sie etwas richtig verstanden haben oder umsetzen.
Von den Geschichten dieser Ergebnisse lebt dieser Blog. Es sind inzwischen viele mutmachende Ponygeschichten zusammengekommen, und heute könnt ihr eine weitere lesen:
Wie eine Ponydame wieder lernte ihren Körper zu gebrauchen:
"Was haben wir ausprobiert und was haben wir herumexperimentiert. Was haben wir Einfluss genommen, auf ihre Haltung und ihre Bewegungsabläufe. Ja, sie wurde besser, keine Frage. Auf den Fotos wurde der Hals immer runder und der Widerrist wuchs und wuchs.
Aber sie war weit weg von Freude und Spaß, gesunden, unverschleißenden Bewegungsabläufen und der Idee, einen Reiter zu tragen. Alle Beteiligten waren maximal beschäftigt und maximal frustriert.
Ihr Thorax war getragen, ihre Serraten in Funktion, sie durchlebte Extension, Flexion, alle möglichen und unmöglichen Formen von Rotation und natürlich Biegung. Das klappte hervorragend, aber die Ideen und die Freude blieben aus. Wir konnten sie jeden einzelnen Bereich ihres Körpers ansteuern lassen, aber zu welchem Zweck?
Wir haben uns hinterfragt und wir haben genau hingeschaut. Wir haben unseren Fokus und unsere Prinzipien verändert. Wir haben eine Funktion gefunden und wir haben uns darauf konzentriert.
Wir sind runter vom Reitplatz und haben geübt, ans Gebiss zu ziehen. Horizontal vorwärts, schnurgerade. Was hat sie für einen Schub entwickelt, gleichmäßig mit beiden Hinterbeinen, das hatten wir lange vermisst!
Ihr Genick kommt nach oben, ihr Blick geht in die Weite und wird manchmal ein kleines bisschen wild, ihr Ohrenspiel ist lebhaft. Sie hat ihr tensegrales Potenzial wiederentdeckt, nicht mit der Nase im Sand, sondern irgendwo unterwegs über Stock und Stein.
Ihre Bewegungen sind fließend geworden und kraftvoll und irgendwie hat alles eine Richtung: Es geht vorwärts! Und zwar unter dem Sattel. Sie hat gelernt zu tragen, und wir alle haben jetzt Spaß und viel weniger zu tun. Wir müssen nicht mehr Einfluss nehmen auf ihre Bewegungen und ihre Form, denn das kann ihr Körper selbst tatsächlich am besten. Er organisiert sich ganz hervorragend für die an ihn gestellten Aufgaben.
Wir sind unterwegs auf einem tollen Weg und endlich kennen wir das Ziel - und zwar das Ziel des Pferdes: Gebrauchspferd zu sein, in jeder Lebenslage guten Gebrauch vom eigenen Körper machen zu können und mit der Reiterin zu einer Pferd-Reiter-Dyade zu werden."
Dies ist der Bericht einer Trainerin. Die Ergebnisse sind reproduzierbar. Anfangs stellt sich immer die Frage, ob denn die Reitschüler*innen bleiben, wenn man den eigenen Fokus so stark verändert und die Prinzipien, an die man sich hält. Die Erfahrung hat gezeigt:
Wenn du anders unterrichtest, bekommst du andere Reitschüler. Einige bleiben und ändern sich (und ihre Ziele) mit dir, andere gehen und machen Platz für neue Schüler*innen.
Natürlich ändert sich das eigene Angebot, wenn man keinen Sinn mehr darin sieht, Aspirin kiloweise zu verfüttern, wenn man die Vorstellung aufgegeben hat, dass das, was gemeinhin unter geraderichtender Arbeit läuft, ein Pferd wirklich geraderichten könnte. Es ändert vieles, wenn man das gesunde und belastbare Gebrauchspferd in den Fokus rückt und die andressierte Piaffe ebenso verklappt wie alle anderen Extreme in Sachen Aufrichtung, Dehnung, Verkürzung und Verstärkung.
Aber wenn der Blick des Pferdes "in die Weite geht und manchmal ein kleines bisschen wild wird", wie oben im Text zu lesen war, kommt bei mir eine Freude auf, die stärker ist als die Traurigkeit in Rilkes Gedicht über den Panther, dessen Blick "so müd' geworden, dass er nichts mehr hält". Und das will was heißen!
Rilkes Gedicht vom Panther auf das Pferd umgedichtet:
Sein Blick ist vom Vorübergehn der Bande
so müd geworden, dass er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Bretter gäbe
und hinter tausend Brettern keine Welt.
Der weiche Gang dressierter Tritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.