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Dieser Text geht auf den Konsens der Gebrauchshaltungskonferenz 2018 in Klingenmünster zurück. Die vorliegende Fassung stellt keine inhaltliche Abkehr von den Grundlagen der Gebrauchshaltung dar, sondern eine sprachliche und konzeptionelle Weiterentwicklung auf Basis der seither gewonnenen praktischen Erfahrungen sowie einer klareren Einordnung der zugrunde liegenden physikalischen Zusammenhänge.
Ziel der Aktualisierung ist es, zentrale Begriffe, Kriterien und Zusammenhänge eindeutiger zu fassen und die Gebrauchshaltung klar von anderen Trainings- und Nutzungskonzepten abzugrenzen. Die hier formulierten Kriterien beschreiben verbindlich, was im Rahmen dieses Konsenses unter Gebrauchshaltung verstanden wird.
Arbeitsweisen, Zielsetzungen oder Bewegungsbilder, die diese Kriterien nicht erfüllen, können für sich legitim sein, fallen jedoch nicht unter den Begriff Gebrauchshaltung. Diese Abgrenzung ist ausdrücklich gewollt und dient der fachlichen Klarheit sowie der Vergleichbarkeit von Beobachtung, Ausbildung und Ergebnis.
Die folgenden Punkte stellen keine Trainingsrezepte, sondern Beobachtungs- und Beurteilungskriterien dar. Sie dienen der Einordnung von Bewegungsqualität, Ausbildungsstand und Belastbarkeit und bilden den gemeinsamen Referenzrahmen für die Arbeit nach den Prinzipien der Gebrauchshaltung.
1. Biotensegrität
Biotensegrität beschreibt das grundlegende strukturelle Organisationsprinzip lebender Systeme.
Stabilität und Bewegung entstehen durch die dynamische Verteilung von Spannung und Kompression innerhalb eines kontinuierlichen Spannungsnetzwerks.
Die klassische, auf Hebeln, Drehpunkten und muskulär erzeugter Schubkraft basierende biomechanische Erklärung ist für die Beschreibung realer Anatomie in Bewegungsabläufen unzureichend. Gelenke sind anatomisch als weitgehend kompressionsfreie Umlenkstellen für Zugkräfte innerhalb eines globalen Spannungszusammenhangs konzipiert.
Bewegung entsteht in einem strukturell gut organisierten System durch die Nutzung äußerer Kräfte (Schwerkraft, Bodenreaktionskräfte). Muskelarbeit dient dabei der Spannungsregulierung, der Koordination sowie der räumlichen und zeitlichen Organisation, nicht der primären Krafterzeugung.
2. Bewegungssystem und Lernen (vorher: Der Faszienkörper)
Das myofasziale System bildet die primäre strukturelle Grundlage des Bewegungsapparates.
Knochen, Muskeln, Faszien und Nerven sind dabei nicht getrennt zu betrachten, sondern als funktionell gekoppeltes Bewegungssystem.
Diese Struktur definiert, welche Bewegungen möglich, stabil und belastbar sind. Gleichzeitig wird sie durch die wiederholte Nutzung über Zeit geformt.
Motorisches Lernen findet primär systemisch statt, nicht kognitiv. Bewegungsmuster verändern sich durch sensorische Rückmeldung, Wiederholung und Erfahrung – häufig in unbewussten Anpassungsprozessen. Unangenehme oder schmerzhafte Rückmeldungen wirken dabei als hochrelevante Grenzsignale und führen zur Anpassung von Tonus, Timing und Bewegungsorganisation.
Bewegungslernen ist eine emergente Eigenschaft des gesamten Bewegungssystems in der Interaktion mit Umwelt und Belastung.
3. Kriterien der Gebrauchshaltung
Die folgenden Kriterien dienen der Beurteilung von Bewegungsqualität, Ausbildungsstand und der Nützlichkeit von Übungen für das Pferd.
a) Reiner Gang
Eine klare, taktreine Fußung in jeder Gangart ist ein zentrales Kriterium für funktionale Bewegung in jedem Ausbildungsstadium. Abweichungen können im Lernprozess auftreten, sind jedoch im Ergebnis dessen, was als erstrebenswert gezeigt wird, nicht akzeptabel. Anhaltende Taktfehler weisen auf strukturelle und funktionelle Probleme hin.
b) Fesselstand und Timing
Der Fesselstand verändert sich sowohl im Bewegungsablauf als auch abhängig von Belastung, Timing und Bewegungsorganisation. Asymmetrien im diagonalen Beinpaar während der Stützbeinphase im Trab sind Ausdruck systemischer, nicht lokaler Probleme.
c) Linie Hüfte – CTÜ – Maul
Die Linie vom Hüfthöcker über den cervikothorakalen Übergang (CTÜ) bis zum Maul stellt ein beobachtbares Merkmal funktionaler Organisation dar. Im Verlauf der Ausbildung entwickelt sich diese Linie von leicht abfallend über waagrecht hin zu gegebenenfalls leicht aufsteigend. Die waagerechte Linie markiert die erreichte Gebrauchshaltung.
Ein deutlich von dieser Linie abweichender CTÜ ist im Ergebnis dessen, was als funktional und erstrebenswert gezeigt wird, ein Ausschlusskriterium. Der CTÜ ist kein aktiv einzustellendes Element, sondern seine Position das Ergebnis der Gesamtorganisation des Körpers.
Anmerkung: Das Merkmal “Hüfte” bezieht sich (nach Betrachtung der sehr differenzierten Heydebreckschen Zeichnungen) auf den Hüfthöcker, nicht auf das Hüftgelenk.
d) Genick
Das Genick ist grundsätzlich und ausnahmslos der höchste Punkt des Pferdes und die Stirnlinie deutlich vor der Senkrechten. Andere Positionen sind möglich und begründbar, aber nicht kompatibel mit den Prinzipien der Arbeit in Gebrauchshaltung.
e) Horizontaler Zug ans Gebiss
Der vom Pferd ausgehende, stete horizontale Zug an das Gebiss ist eine funktionale Grundvoraussetzung für die Selbstorganisation des Körpers im Sinne der Gebrauchshaltung.
Er ermöglicht die effiziente Nutzung der Schwerkraft und der Bodenreaktionskräfte und schafft die strukturellen Voraussetzungen für die Reversion dysfunktionaler Bewegungsmuster.
4. Lumbosakralgelenk (LSG)
Das Lumbosakralgelenk nimmt eine zentrale Rolle in der Bewegungsorganisation ein.
Ein dauerhaft unter Last geöffnetes LSG ist mit pathogenen Bewegungsmustern verbunden und beeinträchtigt die strukturelle Stabilität und Funktionalität des gesamten Systems.
Für jedes Pferd existiert eine individuelle neutrale Stellung des LSG, aus der heraus Kräfte effizient integriert und genutzt werden können.
Der passive Stehapparat ist auf diese neutrale Organisation angewiesen, die physiologische Haltung zeigt sich in vier senkrechten Röhrbeinen.
Bewegung entsteht primär durch die Interaktion mit den Bodenreaktionskräften in der Mitte der Stützbeinphase und die Wirkung der Schwerkraft. Die Streckung der Hintergliedmaßen erfolgt überwiegend passiv, zeitlich nach der hauptsächlichen Kraftübertragung.
Eine funktionale Organisation des LSG ermöglicht es dem System, äußere Kräfte effizient zu nutzen und über das gesamte Spannungsnetzwerk zu integrieren.
5. Atmung
Die Atmung ist ein integraler Bestandteil der Bewegungsorganisation und auf diese angewiesen.
Sie ist an die systemische Aufspannung und Lastintegration des Körpers gekoppelt und funktioniert nur in einem strukturell kohärenten, bewegten System zuverlässig.
Funktionelle Fehlleistungen wie ein unter Last geöffnetes Lumbosakralgelenk und die sich daraus ergebende kompensatorische Haltung und Bewegung wirken sich unmittelbar auf die Atemdynamik aus.
6. Relative Hankenbeugung
Hankenbeugung ist dem Pferd situativ jederzeit verfügbar und entsteht aus der elastischen Aufladung und Entladung des Systems. Sie ist weder dauerhaft anzustrebender Zustand noch Selbstzweck.
In funktionalen Bewegungsabläufen erreicht die Kruppe ihren tiefsten Punkt im Bewegungszyklus in der Mitte der Stützbeinphase. Die physiologische Beugung der großen Gelenke der Hinterhand unter Last findet jederzeit statt, ohne spektakuläre Ausprägung.
Verstärkte Hankenbeugung dient der momentanen Anpassung von Kraftrichtung und -dosierung an eine herausfordernde Bewegungssituation. Sie ist eine Fertigkeit und kein Zustand. Je größer das Beugungspotenzial, desto flexibler ist das System in seiner Reaktionsfähigkeit.
7. Pathogene Muster
Ein Anheben der Kruppe in der Mitte der Stützbeinphase im Trab, verbunden mit einem geöffneten LSG, ist ein Zeichen eines pathologisches Bewegungsmusters. Gleiches gilt für Vorderbeine, die im Trab länger am Boden verweilen als das jeweils diagonale Hinterbein.
8. Hufe
Die Sohlen der Hornkapsel sind das funktionale Interface für die Interaktion mit dem Untergrund und damit wesentlich für funktionelle Bewegungsorganisation.
Die Vorderhufe eines Gebrauchspferdes sollten flacher sein als die Hinterhufe. Zu hohe Trachten und untergeschobene Trachten sind ebenso zu vermeiden wie zu hohe Zehen. Als ungefähre Orientierung können 45°-47° Zehenwandwinkel für die Vorderhufe gelten und 50°-55° Zehenwandwinkel für die Hinterhufe.
9. Relatives Optimum
Das relative Optimum beschreibt die beste Version seiner selbst, die ein Pferd zu einem bestimmten Zeitpunkt unter gegebenen Bedingungen erreichen kann. Vergleiche sollten möglichst zwischen relativen Optima erfolgen, nicht zwischen zufälligen Momentaufnahmen.
Verschlechtert sich das relative Optimum in Bezug auf die oben genannten Kriterien, ist entweder der eingeschlagene Weg ungeeignet oder das angestrebte Ziel nicht passend.
Nachwort
Die vorliegende Fassung wurde von mir, Maren Diehl, als Mitveranstalterin der Gebrauchshaltungskonferenz 2018 und Autorin der ursprünglichen Konsensformulierung auf Grundlage der seither gewonnenen Erkenntnisse überarbeitet. Die Änderungen erfolgen in meiner fachlichen Verantwortung.
Die Neufassung versteht sich als inhaltliche Präzisierung und Weiterentwicklung. Da mir für diese aktualisierte Fassung keine erneute Zustimmung der damaligen Referentinnen und Teilnehmenden vorliegt, handelt es sich formal nicht mehr um den gemeinsam verabschiedeten Konsens.
Link zum Originaltext:
https://www.die-pferde-sind-nicht-das-problem.de/der-konsens
Aufgrund zahlreicher Verlinkungen wurde die Neufassung auch hier vorangestellt.
