Die Reitkunst und der genetische Flaschenhals

Maren Diehl • 26. September 2026
Bild ohne KI

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Als ich darüber sinniert habe, warum Leute tun, was sie tun (und wie sie trotz offensichtlicher Widersprüche von diesem Tun und den Begründungen dafür so überzeugt sein können), kam mir der Gedanke:

Die Reitkunst befindet sich in einem genetischen Flaschenhals.

Es gibt von Xenophon bis Steinbrecht etwa 70–100 schriftlich überlieferte Reitmeister mit eigener, erhaltener Reitlehre aus dem europäischen Raum.

Der eigentliche „Meisterkanon“, der heute noch ständig zitiert wird, ist dagegen absurd klein: vielleicht 12–20 Namen – Xenophon, Grisone, Fiaschi, La Broue, Pluvinel, Newcastle, La Guérinière, Steinbrecht, Bourgelat, de la Balme, Hünersdorf, Baucher, d’Aure, Weyrother, Fillis …

Und selbst die gesamte schriftlich überlieferte Reitkunst ist keine vollständige Ahnenreihe des Wissens, sondern eine winzige, hochgradig selektierte Stichprobe. Überliefert wurden vor allem die Auffassungen derjenigen, die schreiben konnten, schreiben durften (und die Zeit dafür hatten), die gesellschaftliche Autorität besaßen und deren Texte kopiert, gedruckt und kanonisiert wurden. Das praktische Wissen zahlloser Reiter, Pferdeleute und vermutlich besonders vieler Frauen ist dagegen spurlos verschwunden.

Wenn heutige Reitlehren diesen kleinen überlieferten Bestand immer wieder gegenseitig zitieren, entsteht tatsächlich etwas wie ein genetischer Flaschenhals: Die wenigen erhaltenen „Wissensgene“ werden fortlaufend rekombiniert und dadurch immer stärker bestätigt – nicht unbedingt, weil sie richtig sind, sondern weil kaum noch anderes Ausgangsmaterial vorhanden ist. Das Problem ist also nicht die historische Reitkunst selbst, sondern ihre Verwechslung mit der Gesamtheit dessen, was Menschen jemals über Pferde wussten.

Zudem wird zunehmend das ausgewählt, was sich in die bereits herrschenden Auffassungen und Herangehensweisen einfügt. Widersprüche zur erlebten und offensichtlichen Realität werden durch Umdeutung beseitigt. So erscheint der kleine überlieferte Bestand immer stärker bestätigt – durch fortgesetzte Selbstreferenz.

Mit künstlicher Intelligenz erreicht dieser Prozess eine neue Stufe. KI erweitert den verfügbaren Wissensbestand nicht von selbst, sondern verarbeitet zunächst das Material, das bereits besonders häufig veröffentlicht, zitiert und wiederholt wurde. Damit übernimmt und verstärkt sie auch die menschlichen Auswahlfehler. Wird ihr Output (weiter reduziert oder durch halluzinierte Inhalte erweitert) anschließend ungeprüft wieder ins Netz gestellt, dient er der nächsten Generation von Mensch und KI als scheinbar unabhängige Bestätigung. Aus dem historischen Flaschenhals wird ein digitaler Rückkopplungskreislauf.

Der vorläufige Höhepunkt dieser Selektion findet sich in unzähligen KI-generierten Texten und Sharepics mit Bildern von drei- bis fünfbeinigen Einohrpferden in den unwahrscheinlichsten Bewegungsphasen. In diesen unkontrollierten Texten wird alles, von der Reitkunst bis zur Stallapotheke, eingedampft auf das, was KI irgendwo im Netz auftreiben konnte und für entweder halbwegs plausibel oder nett formuliert erachtet. Das Schlimmste daran ist, dass derartige Posts nicht nur unreflektiert veröffentlicht, sondern auch noch geliked werden.

Es sieht so aus, als würde die Evolution derzeit auf Schwarmblödheit selektieren. So entsteht ein Zyklus interaktiver Verdummung von Mensch und KI.

Um aus diesem Zyklus und  Flaschenhals herauszukommen, brauchen wir Menschen, die die KI mit der vollen Komplexität konfrontieren, die historisches Material, wissenschaftliche Studien und funktionierende Praxis einspeisen, die sich mit der KI herumstreiten, ihre eigenen Ansichten und Hypothesen überprüfen lassen - und dieses Material frei zugänglich veröffentlichen.

Nur so wird KI nicht zur Endlosschleife des bereits Gedachten, sondern zu einem Werkzeug, mit dem wir uns aus diesem Flaschenhals herausdenken können.


Mein Beitrag zu diesem frei zugänglichen Wissenspool

https://www.frontiersin.org/journals/veterinary-science/articles/10.3389/fvets.2026.1767386/full
 

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