Gebrauchshaltungskonferenz 2018

Der Konsens

Zum Schluss der Konferenz war es uns ein Anliegen, möglichst viel Klarheit zu schaffen. Die   verschiedenen   Punkte,   zu   denen   wir   im   Rahmen   dieser   Konferenz   Einigkeit   erzielen   wollten,   haben   wir,   die   Gruppe   der   Referentinnen,   im   Vorfeld ausführlich   diskutiert   und   besprochen.   Die   interne   Einigkeit   war   für   uns   die   Voraussetzung   für   die   Zusammenarbeit   im   Rahmen   der   Konferenz   und   hat   bereits viele unserer Gespräche wieder auf den Punkt gebracht, wenn wir uns in Einzelheiten zu verlieren drohten. Die   Einigkeit   in   grundlegenden   Dingen   ist   Voraussetzung   für   eine   konstruktive   Auseinandersetzung   auch   im   Dissens.   Wer   z.B.   Biotensegrität   für   neumodischen Blödsinn   hält   oder   Faszien   als   Einzelteile   betrachtet,   dem   erschließen   sich   viele   völlig   logische   Zusammenhänge   nicht.   Es   ist   daher   auch   für   eure   eigene   Arbeit wichtig, in grundlegenden Fragen gegenüber Kunden,Patienten, Schülern, Kolleginnen und auch euch selbst Klarheit zu schaffen. Die folgenden Punkte wurden während der Konferenz erläutert, am Ende der Konferenz den TeilnehmerInnen vorgestellt und ohne Widerspruch akzeptiert: 1 Biotensegrität Gültigkeit   der   Biotensegrität   als   allem   Leben   zugrundeliegende   Struktur   und   Bauweise,   als   innewohnende   Idee   im   platonischen   Sinne,   als   Prämisse   für weiterführende   Annahmen,   als   Alternative   zum   Erklärungsmodell   der   Biomechanik,   als   physiologische   Reaktionsweise   auf   die   Umwelt,   als   Bewegungsidee   und Behandlungsgrundlage. Die    vormals    als    Gelenke    verstandenen    Verbindungen    zweier    Druckelemente    dienen    vielmehr    der    Umlenkung    der    Kraft    der    Zugelemente.    Hebel    und Scherkräfte verlieren ihre Bedeutung.    Quellen:   www.biotensegrity.com   von   Stephen   Levin,   das   Buch   „Basic   Structure   of   Life“   von   Graham   Scarr,   „Living   Biotensegrity“   von   Danièle-Claude   Martin, „Jenseits der Biomechanik – Biotensegrity“ von mir. 2 Der Faszienkörper ist   -   unter   anderem   -   ein   Bewegungs-   und   Problemlösungsorgan,   in   dem   alles   mit   allem   verbunden   ist   und   zudem   das   Netz,   das   von   den   Knochen   aufgespannt wird   und   das   gleichzeitig   für   „Spaciousness“   sorgt,   für   Raum   *zwischen*   den   Knochen.   Er   ist   ein   lernfähiges,   sich   fortwährend   selbst   organisierendes   und optimierendes Organ.   3. Kriterien für die Gebrauchshaltung zur   Beurteilung   des   Ausbildungsstandes   von   Pferden   sowie   von   Übungen   und deren Nützlichkeit fürs Pferd: a)     Reiner     Gang     =     Eine     klare     Fußung     in     jeder     Gangart     ist     eines     der übergeordneten   Ausbildungsziele   und   Hauptkriterium   für   die   Beurteilung   der Korrektheit   der   Ausbildung.   Abweichungen   sind   möglich   während   des   Trainings außerhalb    der    Komfortzone.    Im    Ergebnis,    in    der    Vorführung    dessen,    was erstrebenswert ist, sind Taktfehler ein Ausschlusskriterium. b)   Der   Fesselstand   und   das   Timing   in   der   Bewegungsrichtung   des    Fesselkopfes verändern    sich    kurzfristig    durch    Veränderung    in    der    Belastung,    durch    die Verschiebung     der     Bewegungsphasen     und     langfristig     durch     Training.     Ein unterschiedlicher   Fesselstand   im   diagonalen   Beinpaar   in   der   Stützbeinphase   im Trab weist auf Taktverschiebungen hin. c)   Linie   Hüfte   –   CTÜ   –   Maul,   wie   von   Hans   von   Heydebreck   in   seiner   Schrift   „Das Gebrauchspferd“   beschrieben,   stellt   ein   zu   beobachtendes   Merkmal   dar,   das   sich   im   Laufe   der   Ausbildung   von abfallend   über   waagrecht   hin   zu   evtl.   aufsteigend   entwickeln   sollte,   wobei   mit   der   waagerechten   Linie   die Gebrauchshaltung   erreicht   ist.   Im   Ergebnis,   in   der   Vorführung   dessen,   was   erstrebenswert   ist,   ist   ein   von   der Linie Hüfte-Maul deutlich abweichender CTÜ ein Ausschlusskriterium. 4. LSG-These: Ein   dauerhaft   unter   Last   geöffnetes   LSG   ist   pathogen   /   führt   zu   pathogenen   Bewegungsmustern.   Es   gibt   für   jedes   Pferd   eine   neutrale,   stabile   Stellung   des   LSG. Der passive Stehapparat ist auf ein neutral geschlossenes LSG angewiesen. Hankenbeugung und aktive Öffnung des LSG schließen sich gegenseitig aus. Für   eine   tensegrale   Aufspannung   des   gesamten   Körpers   ist   ein   frei   aus   der   Neutralnullstellung   heraus   bewegtes   Becken   Grundvoraussetzung.   Nur   eine effektive   Stemm-/Entladungsphase   bei   Streckung   der      Gliedmaßengelenke   der   Hinterhand   und   des   Lumbosakralgelenks   ermöglicht   die   Übertragung   der   Kraft auf das gesamte Muskel- Fasziennetzwerk. 5 Atmung Die   Atmung   ist   bei   Mensch   und   Pferd   an   die   Schubkraft   gebunden,   da   das   Zwerchfell   zum   tiefliegenden,   rumpfstabilisierendem   Muskelsystem   gehört   und   nur in einem aktiven System aus Aufspannung und Bewegung funktionieren kann. 6. Relative Hankenbeugung ist   etwas   das   dem   Pferd   situativ   jederzeit   zur   Verfügung   steht   und   entsteht   durch   Aufladung   und   Entladung   der   tensegralen   Strukturen.   Das   Becken   bleibt während   der   Stützbeinphase   im   Trab   auf   gleicher   Höhe.   Die   Beugung   der   großen   Gelenke   der   Hinterhand   unter   Last   findet   in   gesunden   Bewegungsabläufen   in unspektakulärem Umfang jeder Zeit statt! Die   Hankenbeugung   ermöglicht   es   dem   Pferd,   Energie   zu   speichern   und   sie   kontrolliert   (Menge   und   Richtung)   wieder   abzugeben.   Aus   Sicht   des   Pferdes   ist ausgeprägte Hankenbeugung nur sinnvoll, wenn die Bewegungssituation sie zur Problemlösung erfordert. Also in Übergängen jeder Art. Hankenbeugung   ist   die   Einstellungsmöglichkeit   für   die   Kraftrichtung.   Je   höher   das   Beugungspotenzial,   um   so   größer   die   Flexibilität   in   Bezug   auf   Richtung   und Kraftausdruck. Hankenbeugung als Selbstzweck ist abzulehnen. 7. Keine Hankenbeugung Das Heben der Kruppe in der Mitte der Stützbeinphase im Trab, verbunden mit einem geöffneten LSG, stellt ein pathogenes Bewegungsmuster dar. 8. Relatives Optimum Das relative Optimum ist die beste Version seiner selbst, die ein Pferd zu einem bestimmten Zeitpunkt und unter bestimmten Bedingungen sein kann. Bildvergleiche    sollten    immer    Vergleiche    zwischen    Bildern    des    relativen    Optimums    zu    verschiedenen    Zeitpunkten    und    unter    definierten    Bedingungen stattfinden. Wenn   sich   das   relative   Optimum   mit   Blick   auf   die   oben   genannten   Kriterien   auf   dem   Weg   zum   gewählten   Ideal   verschlechtert,   ist   entweder   der   Weg   unpassend oder das gewählte Ziel.
Texte

Griechisch, Latein und Fachchinesisch

Die sprachlichen Wurzeln von Biomechanik und Biotensegrität Wir benutzen ständig Wörter, die sich aus anderen Sprachen herleiten lassen, ohne ihrer tieferen Bedeutung auf den Grund zu gehen. Die Verwendung dieser Wörter teilt die Gesellschaft in drei Gruppen: Die, die glauben, keine Ahnung zu haben, worum es geht und sich deshalb früh aus den Diskussionen verabschieden, obwohl sie aus ihrem Erfahrungsschatz sehr wohl Wesentliches beitragen könnten.  Die, die die Bedeutung sprachlich und inhaltlich ergründet und in ihrem Wissens- und Erfahrungsschatz vernetzt haben. Und schließlich die, die denken, sie wüssten, worum es geht und sehr engagiert die Ahnungslosen verwirren und die Nachdenklichen in die Verzweiflung treiben. Joanne Avison befasst sich sehr eingehend mit der zielführenden und genauen Verwendung von Sprache im Englischen und hat mich durch ihre Anmerkungen zu der Übersetzung meines Buches ins Englische dazu angeregt, mich mit diesem Gebiet eingehender zu befassen. Deshalb zerlege ich den Begriff der Biomechanik als Wirkungsweise lebender Körper ebenfalls, um beiden Begriffen den ihnen zustehenden Platz geben zu können. "Biotensegrität" ist ein Wort, das im Englischen aus Wortbausteinen griechischer und lateinischer Herkunft zusammengesetzt wurde, um die allen Lebewesen innewohnende Struktur zu beschreiben. Bevor also Biotensegrität zu einer beliebig füllbaren Bedeutungsblase wird, schauen wir uns die Bauteile eingehend an: Bio - stammt aus dem Griechischen und bedeutet "Leben". Biologie ist die Lehre (gr. logos) vom Leben. "Bio" als Vorsilbe hat die umfassende Bedeutung von "den Gesetzmäßigkeiten des Lebens folgend". Tension - stammt von dem lateinischen Wort tendere,  "spannen, ausstrecken, hinlenken". Diese Übersetzung zeigt bedeutend mehr Inhalt als die einfache Übernahme des englischen Wortes "Tension" für "Spannung". Integrität - stammt vom lateinischen Wort integer, das in diesem Zusammenhang mit "gesund, unversehrt, widerspruchsfrei und vernünftig" übersetzt werden kann und nicht nur als "Einheit", wie es das englische Wort "Integrity" vermuten lässt. Integer selbst ist zusammengesetz aus in und tangere, was in der wörtlichen Übersetzung "unberührt" bedeutet... In dem kurzen Wort Biotensegrität verbirgt sich also eine den Gesetzmäßigkeiten des Lebens widerspruchsfrei folgend sich spannende, ausstreckende, ausdehnende und hinlenkende gesunde, unversehrte Struktur mit all ihren innewohnenden Fähigkeiten und Fertigkeiten. Daraus folgt, dass Biotensegrität nicht nur in jedem Lebewesen ist, sondern dass jedes Lebewesen eine Biotensegrität ist. Die Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser Biotensegritäten lassen sich beschreiben mit den Begriffen und Berechnungsformeln der Mechanik: Mechanik - aus dem Griechischen für "Wirkungsweise", ist die Lehre von der Bewegung von Körpern sowie der dabei wirkenden Kräfte. Die Mechanik unterteilt sich in die Teilbereiche der Kinematik (gr. kinesis, "Bewegung"), die die Geometrie der Bewegung eines Körpers mit der Nennung von Ort und Geschwindigkeit beschreibt, ohne dabei einwirkende Kräfte, Massen oder Eigenbewegung zu berücksichtigen und der Dynamik (gr. "Kraft"), die Körper unter Berücksichtigung einwirkender Kräfte betrachtet. Die Dynamik wiederum unterteilt sich in die Teilbereiche der Statik („Lehre vom Gleichgewicht“, lat. Status - Stand, Zustand), die sich mit dem Kräftegleichgewicht in unbewegten, ruhenden Körpern befasst und der  Kinetik (ebenfalls gr. kinesis, "Bewegung"), der Bewegungsweise, die die Änderung der oben genannten Bewegungsgrößen unter Einwirkung von Kräften und Massen beschreibt. Es wird unterschieden zwischen fortschreitender Bewegung (Translation) und der Drehbewegung (Rotation). Die Mechanik kann nur das berechnen, was man sieht (selbst wenn man ein Elektronenmikroskop dafür benötigt) und benennen kann. Wenn x+y=z kein in der Realität nachvollziehbares Ergebnis bringt, nachdem man x, y und z zugeordnet hat, fehlt in der Gleichung die eine oder andere Variable, ist der Rechenweg falsch oder das, was man glaubte zu sehen, ist anders als gedacht. Hier landen wir bei der Problematik "Biomechanik des Pferdes": Solange man Hebel, Stützen und Scherkräfte zu sehen glaubt und berechnet, anstatt sich mit der Kinetik einer Biotensegrität zu befassen, kann das gezeichnete Bild nicht schlüssig werden. Solange man versucht, die Statik eines Pferdes zu berechnen und dabei vergisst, dass diese sich auf die gegenseitige Aufhebung aller einwirkenden Kräfte und die daraus entstehende Bewegungslosigkeit bezieht, wird man dem sich bewegenden Pferd nicht gerecht. Wenn man den Schritt von der Kinematik zur Kinetik nicht schafft, weil die Kinematik einfacher nachzuvollziehen ist oder man sie nicht unterscheiden kann, bleibt ein großer Unterschied zwischen dem, was ist und dem, was sein müsste oder könnte. Um die motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten von Biotensegritäten zu beschreiben, benötigen wir die Kinematik, angewandt auf die reale, nachgewiesene Anatomie (Faszie, Gelenkspalte, Kraftübertragung und Energiespeicherung durch Weiterleitung und Rotation, etc.). Diese Aufgabe sei den Wissenschaftlern vorbehalten. Aber: Eine Vereinfachung darf nie sinnentstellend sein wie bei den vielen hübschen Zeichnungen von Winkeln und Hebeln im Pferd. Wir können uns bewusst machen, dass wir die unendlich vielen Einzelteile nie erfassen können und dennoch ein recht gut funktionierendes Gesamtbewegungsgefühlsbild entwickeln. Dabei soll das 2016 veröffentlichte Buch "Jenseits der Biomechanik - Biotensegrity" helfen, was ihm bei ganz vielen Pferdemenschen bereits gelungen ist. Der vorliegende Text ist eine gedankliche Weiterführung, die aus den Diskussionen mit Mitgliedern der Biotensegrity Interest Group in Gent entstanden ist. https://www.spiritbooks.de/verlag/jenseits-der-biomechanik-biotensegrity-maren-diehl/
Das Gebrauchspferd im Trab Aus der Schrift  "Das Gebrauchspferd und seine Ausbildung - Beiträge zum richtigen Verständnis der Reitvorschrift" von Hans von Heydebreck, dem Mitverfasser der deutschen Reitvorschrift
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ADRESSE Maren Diehl Erfweiler Deutschland
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